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Zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges 2014

Vordergründig ist das Attentat von Sarajevo als Auslöser des Ersten Weltkriegs zu verstehen. Ende Juni 1914 hatte dort der serbische Nationalist Gavrilo Princip den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand ermordet. Österreich-Ungarn forderte von Serbien Wiedergutmachung. Viele Länder standen in gegenseitigen Bündnisverpflichtungen. Eine Ausweitung dieses zunächst regionalen Konflikts in einen großen europäischen Krieg war unausweichlich. Deutschland und Österreich-Ungarn standen dem Bündnis von Großbritannien, Frankreich und Russland gegenüber. Viele Staaten traten im Verlauf in den Krieg ein, so auch die USA 1917. Getrieben von der Vorstellung, „eingekreist“ zu sein, stellte Berlin der Donaumonarchie einen „Blankoscheck“ für ihr Vorgehen gegen Serbien aus. Auch die anderen Großmächte haben zumindest nicht die Chance ergriffen, eine weitere Eskalation zu verhindern.

Erstmals fand ein totaler Krieg statt, der mit neuartigem Waffeneinsatz zu Lande, zu Wasser und in der Luft geführt wurde. Der Wechsel vom „heroischen“ Kampf Mann gegen Mann, wie er noch im 19. Jahrhundert stattgefunden hatte, zur anonymen Vernichtungsmaschinerie „Mensch gegen Technik“ wurde vollzogen. Man spricht vom Ersten Weltkrieg als der „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts.

Rund neun Millionen Soldaten starben im Ersten Weltkrieg, darunter ca. zwei Millionen Deutsche. An jedem Tag starben im Schnitt etwa 6000 Soldaten. Die Zahl der zusätzlichen zivilen Opfer wird auf rund sechs Millionen geschätzt. Dieses ungeheure Ereignis bedeutete aber nicht nur das Leiden und Sterben von Millionen von Menschen, sondern es stellte die Errungenschaften von Aufklärung und Moderne, die Bemühungen um Humanität radikal in Frage. Die tiefliegenden Schäden von Kirche und Theologie in Deutschland wurden durch diesen Krieg sichtbar. Sie versagten im Hinblick auf die im Wort Gottes gegründeten Aufgabe zu Frieden und Versöhnung oder auch nur zur Gewaltbegrenzung beizutragen.

Einen Opfermythos pflegten Staat und Kirche in einer verheerenden Allianz. Oft nutzten sie dabei dieselben Begriffe und Sprachbilder. Was Kaiser, Militärführung und Kirche den Soldaten vorgesprochen hatten, verwendeten die Soldaten an der Front um ihr Sterben als Opfer für das Ganze zu erklären. Ihr Leben ohne Wenn und Aber einzusetzen – dieser Appell hatte bei Millionen v0n Soldaten verfangen. So schrieb ein 20-jähriger Medizinstudent aus Jena im November 1914 – fünf Monate vor seinem Tod: „Das einzige, was noch begeistert und erhebt, ist die Liebe für das deutsche Vaterland und der Wunsch, für Kaiser und Reich zu leiden, zu kämpfen und alles einzusetzen.“ Überall regiert das Prinzip: Entscheidend ist, was der Gemeinschaft dienst. Die Forderung, Gesundheit, Leben und den Besitz zu opfern, stieß auf Bereitwilligkeit. Sich zu opfern entsprach aber auch dem religiösen Ideal, das damals in den Kirchen gepredigt wurde. Der Staat bediente sich religiöser Terminologie. Die Unterstützung von bereitwilligen Pfarren und Bischöfen der Kirche war dem Kaiser sicher.

Die konservativen Kirchenvertreter – und das war das Gros – sahen sich durch die Diskussion der sozialen Frage, dem neuen Parteien und auch neuen Denkwegen in der Theologie in die Ecke gedrängt. Die Kirchen werteten den Krieg auch als Möglichkeit, den neuzeitlichen Umbrüchen in der Wissenschaft Paroli zu bieten und der wachsenden Entkirchlichung entgegenzuwirken. Die evangelische Kirche stand dem preußischen Staat und dem Kaiserreich näher, war in großen Teilen sogar mit ihm deckungsgleich. Wilhelm II. war Monarch und gleichzeitig Oberhaupt der evangelischen Kirche Preißens. Das immer noch bestehende Bündnis von Thron und Altar gab ihnen Sicherheit. Die Versuchung war groß, neuen Einfluss zu gewinnen, indem man sich von der Politik willfährig einspannen ließ. Das galt auch bei der moralischen Überhöhung der eigenen Nation. Das Eintreten für das eigene Land oder Volk als verpflichtender und nahezu heiliger Akt, war die logische Konsequenz . Am Tag der Mobilmachung sangen tausende von Menschen „Nun danket alle Gott“ vor dem Berliner Schloss. Der Oberhofprediger Ernst Dreyander feuerte die Massen im Dom an:“ Wir ziehen in den Kampf für unsere Kultur – gegen die Unkultur! Für die deutsche Gesittung – gegen die Barbarei! Für die freie, an Gott gebundene Persönlichkeit – wider die Instinkte der ungeordneten Massen. Und Gott wird mit unseren gerechten Waffen sein!“

Die Kirche war so blind, wie es die gesamte Bevölkerung war. Zunächst ging es beiden Kirchen darum, ihre nationale Zuverlässigkeit unter Beweis zu stellen, sie wollten nicht als „vaterlandslose Gesellen“ dastehen. Dennoch lässt sich nur in Ansätzen erklären, warum große Worte des Kaisers, der Regierung und der Kirchen eine solche Bedeutung bekamen, dass sich die Menschen mit ihren persönlichen Wünschen und Hoffnungen einer nationalen Aufgabe opferten, dass sie ihr Leben geringer achteten im Vergleich zu den Zielen von Volk und Vaterland. Hier handelt es sich um religiös-politische Grenzüberschreitungen in einem Ausmaß, das heute nicht mehr zu verstehen ist. Anders als die Haltung der meisten Christen der großen Kirchen war die Haltung der Freikirchen. Mennoniten und Quäker verweigerten den Kriegsdienst und hielten ihre streng pazifistische Haltung durch. Nur wenige Christen haben sich also dagegen gewehrt, dass der christliche Glaube als Verstärker von nationalen Interessen benutzt wurde.

In den Kirchen jedes beteiligten Landes siegte mehrheitlich der Nationalismus über den Glauben. Die französische Kirche konnte ihre Nation als Angegriffene sehen und den Verteidigungskrieg als „heilig“ bezeichnen. In Großbritanniens Kirchen herrschte die Überzeugung, Deutschland sei von Gott abgefallen, deshalb sei ein Krieg gegen die Deutschen im Sinne Gottes. Ähnlichen Deutschenhass vertrat die russisch-orthodoxe Kirche, hier wurde Kaiser Wilhelm II gar als Antichrist eingestuft. Im Abstand wird eine erschreckende Preisgabe der christlichen Substanz in den Voten der europäischen Kirchen während des Ersten Weltkriegs sichtbar.

Die Völker Europas leben heute weitgehend in Frieden zusammen. Die europäische Friedensordnung ist aber nicht selbstverständlich. Sie bleibt immer gefährdet. Wir stehen in der Verantwortung für ihren Inhalt.

Dekan Klaus Mendel

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