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30 Jahre Ökum. Friedensdekade 2010: "Geist und Logik von Krieg und Gewalt widerstehen"

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30 Jahre Ökumenische Friedensdekade

"Geist und Logik von Krieg und Gewalt widerstehen!"

von Dr. Margot Käßmann
(Schirmherrin der Ökum. Friedensdekade 2010)

 

Vor mehr als 70 Jahren hegte Dietrich Bonhoeffer große Hoffnungen, die ökumenische Bewegung werde Vorkämpferin des Friedens werden.
Wenn sich die Kirchen der Welt im Gespräch miteinander verständigten, könnten sie Widerstand leisten, gegen nationalistische Parolen wie gegen Kriegstreiberei. Diese Hoffnung wurde vielfältig enttäuscht, aber sie wurde auch vielfältig verwirklicht.


In Amsterdamm erklärten Kirchen aus aller Welt 1948 gemeinsam: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!" Der Friedensimpuls wurde zum Cantus firmus des Ökumenischen Rates. Seine Impulse zu Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfungsbewahrung wurden auch umgesetzt, als 1989 der Ruf "Keine Gewalt!" aus den Gottesdiensten der Kirchen hinausgetragen wurde auf die Straßen von Leipzig, Dresden und Berlin und damit der Weg eröffnet wurde zur ersten gewaltlosen Revolution in Deutschland, ja in der europäischen Geschichte.

Christinnen und Christen in allen Kirchen weltweit haben klar für die Überzeugung einzutreten, dass es keinen Weg zum Frieden durch Krieg gibt, sondern dass Frieden der Weg ist, um zu einem friedlichen Zusammenleben von Nationen und Kulturen zu finden.


Wir müssen darauf bestehen, dass Religion endlich nicht mehr Konflikte verschärft, sondern zu ihrer Lösung beiträgt.
Auf der Weltversammlung für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöfung in Seoul 1990, an der ich teilnehmen konnte, wurde formuliert:
"Wir verpflichten uns, unsere persönlichen Beziehungen gewaltfrei zu gestalten. Wir werden darauf hinarbeiten, auf den Krieg als legales Mittel zur Lösung von Konflikten zu verzichten. Wir verlangen von den Regierungen, dass sie eine internationale Rechtsordnung schaffen, die der Verwirklichung des Friedesn dient."


Wir stehen kurz vor dem Ende der Ökumenischen Dekade "Gewalt überwinden", die 2001 eröffnet wurde. In der Botschaft, die bei der offiziellen Eröffnungsfeier im Berliner Haus der Kulturen verlesen wurde, heißt es:
"Wir rufen alle Kirchen und ökumenischen Organisationen nachdrücklich auf, Gemeinschaften des Friedens zu sein und aufzubauen, gemeinsam Buße zu tun für unsere Mitverantwortung für Gewalt; sich dafür einzusetzen, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen."

Es war der anglikanische Bischof George Bell, der im House of Lords in England ab Februar 1943 vehement und immer wieder gegen die britischen Bombardierungen deutscher Städte wandte.


Er sah die ethischen Grundlagen der westlichen Zivilisation und auch eine zukünftige Versöhnung mit Deutschland gefährdet. George Bell war geprägt durch die ökumenische Bewegung. Er hat sich erheblichen Anfeindungen ausgesetzt, als "Vaterlandsverräter" wurde er beschimpft. Für mich ist er ein Vorbild von Feidesliebe mitten im Krieg, er hatte das, was ich Fantasie für den Frieden nenne, weil er die Menschen gesehen hat und nicht nur "den Gegner".

Ich will deshalb die Hoffnung nicht aufgeben, dass Menschen zum Frieden fähig sind. Die Hoffnung, dass eines Tages Menschen Pflugscharen aus ihren Schwertern schmieden werden und niemand mehr übt für den Krieg (Micha 4,3f.). Viel zu lange wurde Gewalt thologisch legitimiert. Doch wenn wir das  Zeugnis von Jesus Christus ernst nehmen, dann finden wir mit der Botschaft von der zweiten Meile und der anderen Wange eine Haltung kreativer Gewaltlosigkeit. Jesus durchbricht den Kreislauf der Gewalt durch seine aktive Gewaltfreiheit.


Das ist keine Zeichen von Schwäche, sondern tiefe innere Stärke. 

Markus Weingardt hat in seiner Arbeit zum Thema "Das Friedenspotential von Religionen" in mehrern Fallstudien gezeigt, dass religiös motivierte Akteure zur Verminderung von Gewalt in politischen Konflikten beitragen(1). Wer die 40(!) Beispiele aus aller Welt in Weingardts Studie liest, kann nur staunen über so viel real existierende Fantasie für den Frieden!


Es sind offenbar gerade die kleinen Gesten wie der Besuch eines Flüchtlingslagers, die Teilnahme an einer Demonstration, die Kontaktaufnahme mit Rebellenführern, ein Gebet im Minengebiet, die Bereitschaft, für den eigenen Friedenswillen auch ins Gefängnis zu gehen oder gar große Gesten wie das eigene Leben zu riskieren, die Vertrauen schaffen.
(1)Markus Weingardt. Das Friedenspotential von Religionen, unveröffentlichtes Manuskript Juni 2006

 

Auch wenn es für manchen naiv klingen mag - ich bleibe dabei:
Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Und mir liegt daran, mit Menschen anderer Religionen zusammenzuarbeiten, die sich für die Überwindung von Krieg einsetzen. Der Gebrauch militärischer Gewalt bei der Durchsetzung von Recht und Frieden ist nicht prinzipiell ausgeschlossen. Zur Verteidigung der Menschenrechte und zum Schutz von Menschenleben kann Einsatz militärischer Mittel in engsten Grenzen geboten sein.

Aber es ist ein Gebot der Aufrichtigkeit, einzuräumen, deass überzeugende Beispiele rar sind. Krieg führt immer Unrecht, Not, Leid im Gepäck, es gibt keinen "sauberen Krieg", der Zivilisten wahrhaftig schont.
Wenn Konflikte total eskaliert sind und Menschenleben geschützt werden müssen, gibt es über den Gebrauch militärischer Gewalt sehr schnell Konsens. Dann stehen gewaltige Mittel an Material und Geld zur Verfügung.


Warum gibt es eigentlich in den Konflikten dieser Welt keinen so massiven Einsatz von Geld, Energie, Menschen und Fantasie, bevor die Gewalt ausbricht?

Es gibt auch nichtkriegerische, zivile Mittel zur Überwindung der Gewalt. Stichwortartig lassen sich Beispiele nennen:

  • das Abbrechen der Geldströme, die Rüstung und Terror finanzieren;
  • eine Unterbindung des Drogenhandels, auch durch gesicherte Einkommen für Bauern, die vom Drogenhandel leben;
  • ein internationales Abkommen gegen des Waffenhandel;
  • konsequentes Eingreifen gegenüber solchen, die Hass schüren, auch in unserem Land;
  • überzeugender und wirksamener Einsatz für Gerechtigkeit;
  • Erziehung zur gewaltfreien Konflicktlösung;
  • die politische Lösung von Dauerkonflikten wie in Israel und Palästina.

 

Es wird darum gehen, zivile Konfliktlösung zu trainieren, endlich Geld und Kraft und Zeit zu investieren in de-eskalierende und vorbeugende Bearbeitung von Konflikten. Friedensdienste müssen finanziert und personell ausgestattet werden. Gewaltfreie Konfliktbewältigung ist kein Kinderspiel, Prävention und Mediation müssen glernt werden.
Dies ist kein einfacher Weg. Es kann ein Weg sein, auf dem Schuldigwerden nicht ausgeschlossen ist. Es kann der Weg der Ohnmacht sein auf den ersten Blick. Wie jener Weg ans Kreuz, den Jesus gegangen ist. Aber weil er uns vorangegangen ist, können wir darauf vertrauen: es ist ein Weg ins Leben.

Gekürzerter Beitrag aus: Margot Käßmann, Fantasie für den Frieden oder: Selig sind, die Frieden stiften, Frankfurt am Main 2010. Edition "chrismonmobil" 

Weitere Infos und Bestellungen unter http://www.friedensdekade.de/

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