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Das Kriegsende 1945 in Fünfbronn und Spalt (Teil 1)

von Daniel Schönwald

 

Nachdem in den letzten Ausgaben des Gemeindebriefes ein dreiteiliger Bericht über das Kriegsende 1945 in Kalbensteinberg enthalten war, kann in dieser Ausgabe ein Bericht über die Lage in Fünfbronn und Spalt abgedruckt werden. Dieser wurde vor wenigen Tagen von Daniel Schönwald zufällig im Akt Nr. 6 des Bestandes Kreisdekan Nürnberg des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Nürnberg, entdeckt. Der damalige Fünfbronner Pfarrverweser - die Pfarrei Fünfbronn mit Spalt war damals bereits zu klein für eine volle Pfarrstelle und wurde deshalb seit 1934 nur „verwest", also vorübergehend betreut  - war Pfarrer Karl Müller. Dieser, am 21. September 1902 in Neuenmuhr geboren und am 1. Dezember 1978 in Nürnberg verstorben, war in der Zeit von 1925 bis Mai 1939 als Missionspfarrer in Joinville/Brasilien tätig gewesen (auch darüber ist im LAELKB im Bestand Martin-Luther-Bund ein umfassender Akt erhalten) und amtierte nach seiner Zeit in Fünfbronn, 1944/45 kurzzeitig durch Aushilfe in Lonnerstadt unterbrochen, ab 1947 in Burgsalach sowie ab 1957 in Königstein; 1967 wurde er pensioniert. Nach 1945 musste Müller wegen seiner NSDAP-Mitgliedschaft ein Entnazifizierungsverfahren durchlaufen. Sein Bericht zeugt aber von großer Abgeklärtheit und Weitsicht. Er wird mit geringfügigen Ergänzungen in Klammern trotz kleiner sprachlicher Unsauberkeiten im Original abgedruckt:

 

Kurzer Bericht über den ,politischen und militärischen Zusammenbruch und dessen Wirkung auf Kirche und Gemeinde‘

Der politische und militärische Zusammenbruch unseres Volkes und seiner Regierung hat sich in der Gemeinde F ü n f b r o n n und S p a l t, wie wohl überall, katastrophal ausgewirkt. Er wirkte so niederdrückend auf die beiden Gemeinden, dass viele unfähig waren, in den ersten Tagen ihrer gewohnten Beschäftigung nachzugehen. Schon ehe der Zusammenbruch völlig Tatsache wurde, ging eine grosse Missstimmung durch die Gemeinden. Wohl alle sahen mit Sorgen auf das, was kommen musste. Zu all den Sorgen äusserer Art, z.B. wie die Feindeinwirkung sich militärisch auswirken würde im Falle der Besetzung, kamen die Sorgen um die Angehörigen in der Ferne, von denen ja keinerlei Nachricht mehr zu erhalten war. Viele hatten geglaubt, dass vielleicht doch noch eine Aenderung der Lage eintreten könnte, nachdem von Seiten der Regierung immer noch bis in die letzte Zeit von ,Siegen‘ die Rege war. ,Es kommt noch was‘, meinten die einen, die andern[,] und das waren wohl die meisten, glaubten diesen Gerüchten nicht mehr. Seit Monaten merkten die Leute, dass vieles ,nicht mehr stimme‘. Als Beweis [wurde] nicht zuletzt immer wieder die Tatsache angeführt, dass die feindl[iche] Lufttätigkeit ohne besondere Behinderung geschehen konnte. Kurz gesagt, das Vertrauen im Volke zu seiner Regierung und deren Institutionen verschwand allmählich ganz. Der Grund dazu lag nicht zuletzt auch darin, dass die Stellung der meisten in den Gemeinden weltanschaulich entgegengesetzt der Regierung und deren Institutionen war.

 

Ehe die Besetzung der beiden Gemeinden durch die amerikanischen Truppen sich vollzog, waren hier und in Spalt noch deutsche Truppen vorübergehend einquartiert. Einen sehr guten Eindruck hinterliessen in Spalt die Truppen der ungarischen SS-Formation. Einen weniger guten die der eigenen SS. Es lag das wohl vor allem in ihrem Auftrag begründet.

Das gottesdienstliche Leben in der Gemeinde nahm in den Gemeinden nicht ganz seinen gewohnten Gang, die häufigen Tieffliegerangriffe liessen es ratsam erscheinen, die Gottesdienste zu kürzen.

 

Am Sonntag den 29. Mai 1945, dem Tage der Besetzung durch die amerik. Truppen[,] hat der Unterzeichnete in Fünfbronn einen kurzen Gottesdienst halten können. Danach sollte noch in Spalt Gottesdienst sein. Als der Unterzeichnete nach Spalt kam, waren die Strassen gesperrt, die Bevölkerung bereits in die Keller befohlen. Auf dem Heimweg sah der Unterzeichnete dann[,] wie die Rezatbrücken in Spalt und bei Wasserzell von der SS gesprengt wurden. Diese Sprengungen führten zur grossen Verbitterung der Leute.

 

Den ganzen Sonntag über wurde Fünfbronn von Truppen des Heeres und der Waffen-SS durchzogen. Manche Teile richteten sich zur Verteidigung ein. Am Abend des 22. April um ½8 Uhr kam dann die erwartete amerik. Panzer-Anfahrt von Schnittling her. Das Verteidigungssystem war ein sehr lockeres, es fehlten ja auch die schweren Waffen[,] die einen Erfolg hätten gewährleisten können. So mussten sich die deutschen Truppen zurückziehen.

 

Als der erste Panzer anfuhr (es waren im ganzen neun), schoss ein junger SS-Mann in der Nähe der Kirche seine Panzerfaust ab, die den Panzer getroffen haben muss, denn die Amerikaner hatten dabei einen Verwundeten. Schon während der Einfahrt schoss der erste Panzer mit Maschinengewehrsalven und nun eröffnete er auch das Feuer mit seinen Panzerwaffen, von denen der eine Schuss die Linksseite der Sakristei schwer beschädigte und der andere Schuss den unteren östlichen Teil des Turmes ebenfalls beschädigte. Die Fenster und Türen des Pfarrhauses wurden zum Teil durch den Luftdruck eingedrückt, das Dach des Nachbarhauses abgedeckt.

Der junge SS-Mann, der die Panzerfaust schoss, wurde verwundet und ergab sich den Amerikanern, die ihn in einem Hause verhörten und dann in der Scheune erschossen. Er wurde etliche Tage darnach auf dem Fünfbronner Friedhof von mir beerdigt.

 

Zwei Tage nach der Besetzung wurden von dem Unterzeichneten zusammen mit dem Kaplan der kathol. Gemeinde Spalt und einigen Leuten von Fünfbronn noch 4 weitere Gefallene in der Umgebung gefunden, die im Soldaten-Friedhof zu Spalt beigesetzt wurden.

 

Die amerikanischen Panzer drehten bald wieder in Richtung Spalt ab. Zu einer Einquartierung kam es in Fünfbronn nicht. Dagegen hatten manche Gemeindeglieder in Spalt Einquartierungen.

Es ist in diesen Tagen viel in den Gemeinden gebetet worden. Es fehlte dabei nicht an aufrichtigen Dankgebeten für die gnädige Behütung, die Gott der Herr den Gemeinden hat zuteil werden lassen.

Festzustellen ist doch auch die Erkenntnis, dass Gott in diesen Tagen mit uns allen redet, und dass wir mit seinem Gericht alle gemeint sind, das wohl als Strafe erkannt wird, aber auch als Barmherzigkeit Gottes und als Beweis dafür: Er kümmert sich noch um uns.

 

Es ist z.Zt. noch viel Sorge und Leid in den beiden Gemeinden, besonders im Blick auf das Fernesein vieler Angehörigen der Familien, von denen die meisten nicht wissen, wo sie sind und ob sie noch leben. Die Gottesdienste werden in beiden Gemeinden zahlreicher besucht, der Religions-Unterricht wird in den Kirchen gegeben und von allen Kindern, auch den Evakuierten, regelmässig, besonders von den evakuierten Kindern in Fünfbronn, besucht.

Ein nicht geringes Problem in den beiden Gemeinden stellt das der Evakuierten, besonders der Balten und Bessarabiendeutschen dar, die wohl kaum in die von ihnen verlassenen Gebiete zurückkehren können. Ihre Lage wird dadurch erschwert, dass sie z.Zt. nicht über ihre im Osten gebliebenen Geldmittel verfügen können. Ihnen durch Arbeitsvermittlung zu helfen, wird mit eine Aufgabe unserer Gemeinden und der Kirche sein.

K. Müller"

 

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