Zum Inhalt (ALT-C)
Zur Navigation (ALT-N)
Zur Startseite (ALT-S)

Dekanat Gunzenhausen  |  E-Mail: info@dekanat-gunzenhausen.de  |  Online: http://www.dekanat-gunzenhausen.de

"Reden von Gott in der Welt - Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend"

.

Texte zum Schwerpunktthema: Mission

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7.-12. November 1999, Leipzig)

 

     

Kundgebungsentwurf "Reden von Gott in der Welt - Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend"

 

"Kommt her, höret zu; ich will erzählen, was Gott an mir getan hat" (Psalm 66,16). Wer glaubt, kann nicht stumm bleiben. Wer glaubt, hat etwas zu erzählen von der Güte Gottes. Darum tragen wir die Bilder des Lebens, des Trostes und der Sehnsucht weiter und treten ein für die Sache Gottes - leise und behutsam, begeistert und werbend. So folgen wir dem Auftrag Jesu Christi: "Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe" (Matthäus 28,19f). Dafür brauchen wir die Gemeinschaft mit anderen: die Gemeinschaft der Mütter und Väter, die vor uns geglaubt und ihren Erfahrungen mit dem lebendigen Gott in Geschichten und Liedern, Bildern und Gebeten Ausdruck gegeben haben, und die Gemeinschaft der Geschwister, die gemeinsam und vielsprachig für den Glauben eintreten.

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland bittet die Gemeinden, die Leitungsgremien, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und alle Christen, sich in dieser Perspektive neu auf ihren missionarischen Auftrag zu besinnen.

I. Gott hat uns eine Botschaft anvertraut, die die Mühseligen und Beladenen erquickt und die Starken davor bewahrt, sich von Leistung und Erfolg ein erfülltes Leben zu versprechen. Mit dieser Botschaft können wir uns sehen lassen, mit dieser Botschaft werden wir gebraucht.

Mission heißt, die christliche Botschaft so zu bezeugen, daß sie im besten Sinne des Wortes attraktiv wird. Darum fangen alle Bemühungen um den missionarischen Auftrag damit an, zu erkennen und zu beschreiben, wie schön und wohltuend die christliche Botschaft ist.

Gottes gute Nachricht für jeden Menschen enthält drei elementare Zusagen. Diese Botschaft zielt auf unsere Bejahung im Glauben. Sie gibt nicht nur jedem und jeder einzelnen Zuversicht und Orientierung, sie kommt auch dem Gemeinwohl zugute:

Du bist ein wunderbares Wesen (Psalm 139,14).

Gott hat uns ins Leben gerufen. Wir sind von ihm gewollt, wir sind ihm wichtig, wir sind sein unverwechselbares Geschöpf. Gott hat uns mit Würde und Ehre ausgestattet. Wir müssen sie uns nicht erst durch eigene Anstrengung verdienen. Keine Macht der Welt kann sie uns absprechen. Gott schenkt uns Wachstum und Gedeihen, er bleibt uns nah auch auf den schweren Wegstrecken unseres Lebens. Wenn unsere Lebenszeit auf dieser Welt zu Ende ist, sind wir dennoch nicht verloren. Gott hat uns dazu erwählt, mit ihm in Ewigkeit zu bleiben.

Eine Kirche, die diese Botschaft weitergibt, fördert eine Kultur der Bejahung: Niemand muß sich dafür rechtfertigen, daß er da ist. Leistungen sind wichtig, sie stärken das Selbstbewußtsein und fördern das Wohl aller, doch an ihnen entscheidet sich nicht, ob das Leben gelingt. Jeder wird ermutigt, die je eigenen Gaben zu entdecken und die des anderen wertzuschätzen. Wo dies geschieht, werden Menschen weder geduckt noch gedemütigt und erst recht nicht normiert, sie werden aufgerichtet und ermutigt, sie selbst zu werden.

Du bist nicht verloren (Lukas 15).

Gott gibt uns nie auf. Er kennt keine hoffnungslosen Fälle. Er hält seinen Geschöpfen die Treue, auch wenn sie sich von ihm abwenden und die Werke seiner Schöpfung mißachten und schädigen. Dafür steht Jesus Christus. In ihm hat Gott die Situation menschlicher Sünde und Ungerechtigkeit geteilt, bis zum Tode am Kreuz, und so mitten in unsrer Geschichte einen neuen Anfang mit uns gemacht. In Jesus Christus wendet er sich jedem Menschen gnädig zu und sagt ihm die Vergebung der Schuld zu. Darum braucht niemand seine Sünde zu verdrängen und seine Schuld zu verschleiern. Vielmehr wächst aus erkannter Sünde und geschenkter Vergebung Neuanfang.

Eine Kirche, die diese Botschaft weitergibt, fördert eine Kultur der Wahrhaftigkeit und der Achtsamkeit: Sie ermutigt Menschen und Gemeinschaften, sich zur eigenen Schuld zu bekennen und gerade damit auf die Verantwortlichkeit für Unrecht und Elend hinzuweisen. Einer Verharmlosung des Bösen wehrt sie ebenso wie resignativer Ergebenheit. Die Bitte um Erlösung von dem Bösen befreit dazu, dem Bösen schon jetzt nach Kräften die Stirn zu bieten. Eine Kirche, die diese Botschaft weitergibt, prüft politische und gesellschaftliche Strukturen aus der Perspektive der Verlierer. Sie leiht denen ihre Stimme, die keine Lobby haben, und sie steht mit guten Worten und heilsamen Taten an der Seite derer, die die Hoffnung verloren haben.

Du bist zur Freiheit befreit (Galater 5,1).

Jesus Christus macht uns durch die Kraft des heiligen Geistes frei von der Herrschaft der Mächte dieser Welt und frei zur Verantwortung für die Welt. "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan" und zugleich in Nächstenliebe und Übernahme von Verantwortung "ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan" (Martin Luther). Keine Herrschaft von Menschen und Sachzwängen hat göttliche Qualität, sie kann keine letzte Macht über uns beanspruchen. Die Dinge dieser Welt bekommen unter Christus ihr weltliches Maß. So dienen sie dazu, zum Besten der Gemeinschaft und des einzelnen zu wirken.

Eine Kirche, die diese Botschaft weitergibt, fördert eine Kultur der Aufklärung: Sie übt Religionskritik, wenn in einer Situation wachsender Unüberschaubarkeit Menschen in Abhängigkeit von Aberglaube und Ideologie geraten. In den notwendigen Auseinandersetzungen bemüht sie sich um eine kritische Prüfung der Geister. Denn "der heilige Geist ist ein Freund des gesunden Menschenverstandes" (Karl Barth). Christsein ist kein Selbstzweck. Wer sich seinen Wert und seine Würde nicht erst beweisen und verdienen muß, ist frei zum uneigennützigen, sachbezogenen Dienst an den Mitmenschen und den Mitgeschöpfen.

II. Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Wir müssen die Ziele, die wir uns bei unserem missionarischen Handeln setzen, am Willen Gottes messen.

1. Wir wollen Menschen dafür gewinnen, daß sie sich mit ihrem Leben festlegen und eine Bindung eingehen: die Bindung im Glauben an Jesus Christus und darum auch die Bindung an die Kirche als die Gemeinschaft der Glaubenden. Diese Bindung geschieht grundlegend in der Taufe. Wer getauft ist, gehört fortan zu Christus. Er ist damit zugleich in die eine, heilige Kirche eingegliedert. Aber jede Taufe gliedert auch in eine bestimmte kirchliche Gemeinschaft ein. Niemand kann sein Christsein auf Dauer für sich allein leben.

Die Taufe geschieht in unserer Kirche vorwiegend als Kindertaufe. Die Gabe der Taufe besteht darin, daß Gott sich für den Getauften auf seine Gnade ein für alle Mal festlegt und der Getaufte sich auf das, woran er glaubt, ein für alle Mal festlegen läßt. Mit der Taufe ist die christliche Wahrheit persönlich geworden. Aber dies wird nur wirksam, wenn beim Getauften der eigene, von Eltern und Paten nicht vertretbare Glaube geweckt wird. "Wenn der Glaube nicht zur Taufe kommt, ist die Taufe nichts nütze" (Martin Luther). Gerade eine Kirche, die vorrangig die Kindertaufe praktiziert, ist dazu verpflichtet, zum persönlichen Glauben hinzuführen.

Die Kirche will Mitglieder gewinnen. Dies sprechen wir ohne Scheu aus. Dafür setzen wir uns kräftig ein. Eine Kirche, die den Anspruch, wachsen zu wollen, aufgegeben hat, ist in der Substanz gefährdet. Nicht die statistische Entwicklung der Mitgliederzahl in unseren Kirchen ist gegenwärtig das eigentliche Problem, sondern die damit verbundene innere Haltung der Verzagtheit, die sich mit den kleiner gewordenen Zahlen abfindet oder sie gar noch theologisch legitimiert.

Die Aufgabe, neue Mitglieder der Kirche zu gewinnen, hat eine ökumenische Dimension. Nicht der Mitgliederzuwachs in der eigenen kirchlichen Gemeinschaft hat Vorrang, sondern daß Menschen eine kirchliche Beheimatung finden. Weil wir von der einen Kirche Christi her denken, freuen wir uns auch über das Wachsen anderer christlicher Kirchen.

2. Vielen fällt es schwer, sich für längere Zeit zu binden. Auch in den Kirchen spüren wir, daß Menschen, die für die Sache des Glaubens aufgeschlossen sind und sich sogar am kirchlichen Leben engagiert beteiligen, gleichwohl nicht den Schritt zur Kirchenmitgliedschaft gehen. Wir halten daran fest, daß der Glaube dem Leben eine neue Richtung geben will und darum auf eine Festlegung drängt. Aber wir tun gut daran, hier nicht vorschnell Zensuren zu erteilen und Abgrenzungen vorzunehmen. Es gibt nicht die eine Normalform des christlichen Glaubens und Lebens. Wir respektieren es, daß gegenüber der christlichen Gemeinde sehr unterschiedliche Grade der Intensität von Zugehörigkeit und Mitarbeit gewollt und gelebt werden.

Andere wollen sich nicht mehr auf eine bestimmte, vorgegebene Glaubensüberzeugung einlassen, sondern ihre "Religion" aus unterschiedlichen Elementen selbst zusammenstellen. Gott ist allen Menschen gegenwärtig. Darum entdecken wir auch außerhalb der Kirche Zeichen der Bindung an den christlichen Glauben und insofern "Freundinnen und Freunde" der christlichen Gemeinde. Wir suchen den Dialog mit diesen Menschen - auch weil wir wissen wollen, ob sie Anliegen vertreten, die in unserer Kirche vernachlässigt werden.

3. Der missionarische Auftrag und die missionarische Praxis der Kirche heute stehen, ob wir es wollen oder nicht, im Schatten früherer Perioden der Christentums- und Kirchengeschichte. Die pauschale Diskreditierung der Geschichte der christlichen Mission ist ungerechtfertigt. Sie wird gerade von den Menschen in den einstigen Missionsgebieten Afrikas oder Asiens selbst zurückgewiesen. Die christliche Mission vergangener Jahrhunderte hat segensreiche Auswirkungen gehabt, die bis heute spürbar sind.

Inzwischen hat sich das Verständnis des missionarischen Auftrags von innen heraus tiefgreifend verändert. Mission behält die Absicht, den anderen zu überzeugen, d.h. mitzunehmen auf einen Weg, auf dem die Gewißheit des christlichen Glaubens seine eigene Gewißheit wird. Aber sie tut dies in Demut und Lernbereitschaft.

Eine so verstandene Mission hat nichts mit Indoktrination oder Überwältigung zu tun. Sie ist an der gemeinsamen Frage nach der Wahrheit orientiert, verzichtet aus dem Geist des Evangeliums und der Liebe selbst heraus auf alle massiven oder subtilen Mittel des Zwangs und zielt auf freie Zustimmung. Eine solche Mission verträgt sich mit dem Gebot der Toleranz. Sie ist geprägt vom Respekt vor den Überzeugungen der anderen und hat dialogischen Charakter. Der Geist Gottes, von dem Christus verheißen hat, daß er uns in alle Wahrheit leiten wird (Johannes 16,13), ist auch in der Begegnung und dem Dialog mit anderen Überzeugungen und Religionen gegenwärtig.

III. Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum nehmen wir die Situation, in der wir uns heute befinden, und die Schwierigkeiten, die damit gegeben sind, nüchtern in den Blick.

1. In der pluralistischen Gesellschaft konkurrieren viele Heilsbotschaften und Weltanschauungen miteinander. Wenn die Kirche Menschen erreichen will, die dem christlichen Glauben äußerlich und innerlich fernstehen, befindet sie sich faktisch in einer Marktsituation. Dabei konkurriert ihr "Angebot" mit anderen "Angeboten". Es hat oft nicht die erhoffte "Nachfrage" oder droht, sich wie eine Ware schnell zu verbrauchen. Viele Menschen wählen sich wie in einem Supermarkt aus den unterschiedlichen "Angeboten" aus, was ihnen für ihre religiösen Bedürfnisse zusagt.

Um diesen Wettbewerb zu bestehen, muß man die Fähigkeit haben oder entwickeln, sich auf die veränderte Situation einzustellen. Eine einmal erworbene Stellung, ein einmal gewonnener Ruf haben - glücklicherweise - lange Bestand. Das verschafft Zeit für die erforderliche Umstellung. Aber wer sich auf den alten Lorbeeren zu lange ausruht, verschläft die Chance des Wandels.

2. Mit der Pluralisierung nimmt die Verschiedenheit der Adressaten der christlichen Verkündigung zu. Wir müssen unser Bewußtsein für die Notwendigkeit einer adressatenorientierten, spezifischen Verkündigung von Gottes guter Nachricht schärfen. Gegenüber den "Christen in Halbdistanz", den aus der Kirche Ausgetretenen und den mit der christlichen Tradition überhaupt nicht mehr in Berührung Gekommenen bedarf es einer je unterschiedlichen Weise, vom Glauben zu reden. Dabei dürfen wir nicht darauf warten, daß die Menschen von sich aus das Gespräch über Gott und die Welt suchen. Wenn die Menschen nicht mehr zur Kirche kommen, muß die Kirche zu den Menschen gehen und mit ihrer guten Botschaft in den Lebenszusammenhängen der dem Glauben ferngerückten oder gar entfremdeten Menschen gegenwärtig sein.

Wer sich als Christ auf den Weg macht, um den Menschen nahezukommen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, muß die eingefahrenen Wege verlassen, den Mut zum Experiment haben, eine neue Sprache probieren. Das kann Ängste auslösen, denn ganz schnell verliert man sich. Uns ist hier beides abverlangt: ganz bei den Menschen und ganz bei Gottes Sache zu sein.

Man kann manchmal auch unsicher werden, ob die christlichen Gemeinden die fernstehenden Menschen tatsächlich suchen und erreichen wollen. Wer auf diese Menschen zugeht und sich auf sie einläßt, muß mit Veränderungen rechnen: bei sich selbst und in den Gemeinden. Es sind auch Vorbehalte und innere Widerstände zu überwinden. Aber wir sind gefragt, ob wir die Menschen um uns her mit den Augen Gottes ansehen und in ihnen die von Christus gesuchten und geliebten Geschöpfe Gottes erkennen.

3. Mit einer besonderen Situation haben wir es im Gebiet der ehemaligen DDR zu tun. Dort sind Christen eine deutliche Minderheit unter der durch anhaltende Konfessionslosigkeit geprägten Bevölkerung. Zehn Jahre nach der "Wende" sieht es nicht so aus, als könnte sich das in absehbarer Zeit ändern. Die Menschen haben die Kirche massenhaft verlassen, sie sind aber nur als einzelne zurückzugewinnen. Missionarische Konzepte und Rezepte, die im westlichen Teil Deutschlands gebräuchlich sind, sind im östlichen Teil häufig wenig geeignet, weil sie Menschen im Blick haben, die noch etwas von Christentum und Glauben wissen. Wer über zwei und sogar über mehrere Generationen zum christlichen Glauben und zur Kirche kein Verhältnis mehr hat, ist aber nicht einmal mehr ein "Distanzierter". Im Kontakt mit Konfessionslosen wird es darauf ankommen, nach den Orten und Erfahrungen zu suchen, wo sich die Sache des Glaubens mit den Lebensfragen der Menschen berührt und wo sich der Glaube als eine Hilfe in ganz konkreten Lebensumständen erweist.

4. Wir freuen uns über alle ermutigenden Erfahrungen mit der Weitergabe des Glaubens. Aber es gibt auch andere Erfahrungen: Vielen Christen - auch vielen von uns - fällt es schwer, verständlich und überzeugend von ihrem Glauben zu reden. Das ruft Gefühle der Sprachlosigkeit, ja der Peinlichkeit hervor. Die Ursache ist insbesondere bei einer mangelnden Bildung im Glauben zu suchen. Die in der Kindheit erworbene Gestalt des Glaubens trägt nicht mehr, und ein solider Unterricht für Erwachsene wird vielfach nicht angeboten oder nicht in Anspruch genommen. Das Problem entsteht aber auch daraus, daß Glaubensfragen als eine höchst persönliche Angelegenheit betrachtet werden und aus dem privaten und öffentlichen Gespräch weithin verdrängt worden sind. Den Satz, daß Religion "Privatsache" sei, haben viele so sehr verinnerlicht, daß der Glaube zur eigentlichen "Intimsphäre" geworden ist. Es ist auffällig: Über Sexualität wird öffentlich und offen geredet, aber über die Fragen des Glaubens schweigen wir verschämt. Das darf so nicht bleiben. Wir brauchen mehr Selbstbewußtsein und Mut, im privaten und öffentlichen Gespräch zu unserem Glauben zu stehen und mit Gründen von seiner Lebensdienlichkeit Rechenschaft zu geben. Und wir brauchen mehr Bildung und Anleitung, um über die unzureichenden Versuche, an denen wir heute leiden und scheitern, hinauszugelangen. Nötig ist eine neue Sprachlehre des Glaubens.

5. Daß Gott uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat, macht Mut zum besonnenen Erkunden noch ungewohnter und nicht erwarteter Formen und Ausdrucksweisen. Mission der Kirche geschieht in der Kraft des heiligen Geistes. Er lehrt alles und erinnert an alles, was Christus gesagt hat (Johannes 14,26). Darin ist er lebendig und schöpferisch.

IV. Es sind verschiedene Gaben, aber es ist derselbe Geist Gottes, der das alles wirkt. Wir brauchen in der Kirche die Vielfalt missionarischer Wege und Konzepte, die unscheinbaren alltäglichen Bemühungen ebenso wie die groß angelegten Aktionen.

1. Von dieser Tagung der Synode geht das Signal aus: Die evangelische Kirche setzt das Glaubensthema und den missionarischen Auftrag an die erste Stelle, sie gibt dabei einer Vielfalt von Wegen und Konzepten Raum, ihr ist an der Kooperation und gegenseitigen Ergänzung dieser unterschiedlichen Wege und Konzepte gelegen.

Es hat eine Zeit gegeben, in der es den Anschein haben konnte, als seien das Glaubensthema und die missionarische Aufgabe das Markenzeichen nur einer einzelnen Strömung in unserer Kirche. Heute sagen wir gemeinsam: Weitergabe des Glaubens und Wachstum der Gemeinden sind unsere vordringliche Aufgabe, an dieser Stelle müssen die Kräfte konzentriert werden. Dabei gibt es keine Alleinvertretungsansprüche. Wir werden dem missionarischen Auftrag nur gerecht, wenn wir, bezogen auf die Vielfalt der Adressaten, auch eine Vielfalt der Wege und Konzepte bejahen.

2. Für das missionarische Handeln - auf der Ebene der Gesamtkirche ebenso wie in den Einzelgemeinden - gibt es in unserer Kirche viele Angebote und Hilfen.* Freie Werke und Verbände spielen dabei seit langem eine wichtige Rolle. Zusammengefaßt in der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD) bestehen zahlreiche Einrichtungen und Initiativen, die schon über Jahrzehnte unermüdlich und phantasievoll auf dem Feld des missionarischen Handelns tätig sind, Hilfestellung anbieten und Anregungen geben, z.B. für Bibelwochen, Besuchsdienst, Hauskreisarbeit oder Glaubensseminare. Die landeskirchlichen Ämter für missionarische Dienste brauchen in einer Situation, in der unter finanziellen Gesichtspunkten die Prioritäten kirchlicher Arbeit neu bestimmt werden, unsere Unterstützung. Dringend benötigt werden Impulse in der missionarischen Ausbildung, nicht nur an den besonderen Ausbildungsstätten, sondern vor allem auch in der Aus- und Fortbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer an den theologischen Fakultäten, Predigerseminaren und Pastoralkollegs. Weltmission und missionarisches Handeln in unserem eigenen Land befruchten sich gegenseitig; das zeigt sich nicht zuletzt an der Arbeit der regionalen Missionswerke und des Evangelischen Missionswerks in Deutschland (EMW).

Über die speziellen Aktionen und Handlungsmöglichkeiten hinaus hat auch das ganz "normale" Leben der Kirchen und ihrer Gemeinden eine missionarische Dimension. In vielfältiger Weise ergeben sich Gelegenheiten, Menschen zu erreichen und anzusprechen, die dem christlichen Glauben entfremdet sind oder fernstehen: im sonntäglichen Gottesdienst, bei den Kasualien, im Unterricht, in der Jugendarbeit oder in der Kirchenmusik. Auch Kirchengebäude sind Zeugen des Glaubens.

Im vergangenen Jahr hat sich die Synode im Rahmen ihres Schwerpunktthemas mit der Zukunft der Diakonie befaßt. Diakonie und Mission stehen in einem engen Zusammenhang. Die Diakonie hat teil am Auftrag der Kirche, die Botschaft von der Liebe und Gerechtigkeit Gottes auszurichten und zum Glauben an Jesus Christus einzuladen. Die Menschen, denen wir mit Taten der Nächstenliebe helfen, brauchen ebenso Worte des Trostes, des Zuspruchs und der Ermutigung.

Zu einer so verstandenen missionarischen Arbeit gehört die intensive Aufmerksamkeit für alle Glieder der Gemeinde. Solche "Mitgliederpflege" wird in unserer Kirche nur in Ansätzen betrieben. Offen oder unterschwellig dominiert der Gedanke, diejenigen, die bereits zur Kirche gehören, könnten - oder müßten sogar - von sich aus die kirchlichen Angebote wahrnehmen und aufgreifen. Es kommt darauf an, den Menschen nachzugehen, sie anzusprechen und zu besuchen. Hausbesuche sind durch nichts zu ersetzen. Daß eine Gemeinde die Neuzugezogenen willkommen heißt, ihnen den Weg in ihre Ortsgemeinde erleichtert und ihnen einen Besuch anbietet, sollte als ein Akt freundlichen Entgegenkommens selbstverständlich sein.

3. Mission ist aber keineswegs nur eine Sache der kirchlichen Institution und ihrer speziellen Dienste. Immer deutlicher wird heute in unserer Kirche erkannt, welchen Schatz - neben der wichtigen Funktion der hauptamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen - die ehrenamtlichen Kräfte darstellen. Jeder Christ ist an seinem Platz ein Botschafter Jesu Christi - ob Mann oder Frau, alt oder jung, im Berufsleben oder beim alltäglichen Gespräch auf der Straße, in öffentlichen Ämtern oder im persönlichen Kontakt. Die größeren missionarischen Chancen liegen heute vielleicht gerade auf dieser Ebene. Vor dem Hintergrund der Christentumsgeschichte werden der "Amtskirche" - ob zu Recht oder zu Unrecht - mancherlei Vorurteile und Abwehrhaltungen entgegengebracht. Um so größere Bedeutung hat es, daß die christlichen "Laien" mit ihrer persönlichen Reputation und Glaubwürdigkeit für die Weitergabe ihres Glaubens ein. Dabei soll niemand sagen: Ich bin mit meinem eigenen Glauben noch nicht so weit, daß ich dieser Aufgabe gerecht werden könnte. Man wächst im Glauben und wird gewisser im Glauben, wenn man zu anderen und mit anderen von ihm redet. Eine Hilfe sind Rituale des Alltags: z.B. die Teilnahme am sonntäglichen Gottesdienst, das Tischgebet oder die ausdrückliche Bezugnahme auf Gott in Wünschen und Grüßen. Solche Rituale können beides leisten: Ausdruck des eigenen Glaubens zu sein und die Kultur des Zusammenlebens zu prägen.

4. Ein wichtiger Ort, an dem der christliche Glaube weitergegeben und verständlich gemacht werden kann, ist nach wie vor die Familie. Hier wird zum ersten Mal und grundlegend erfahren, wie es aussieht, in seinem Leben auf Gott zu vertrauen, von Gott zu erzählen und zu Gott im Gebet zu reden. Nirgendwo sonst entscheidet sich stärker, wie tief der Traditionsabbruch sein wird, der sich gegenwärtig vollzieht. Wir ermutigen vor allem Eltern und Großeltern, zu ihrem Glauben zu stehen und ihn nicht zu verstecken. Wir bitten sie, mit ihren Kindern und Enkeln zu beten, auch wo das von anderen zunächst als befremdlich empfunden werden mag: bei den gemeinsamen Mahlzeiten, am Anfang und am Ende des Tages, in den Situationen besonderen Glücks und Unglücks. Kinder lernen am intensivsten aus dem, was ihnen selbstverständlich und unverkrampft vorgelebt wird.

5. Alle missionarischen Bemühungen stehen in einem bestimmten kulturellen Kontext. Dieser kulturelle Kontext kann sich auf die Erfüllung des missionarischen Auftrags der Kirche förderlich auswirken, und er kann hemmend und störend sein. Die jüngste deutsche Geschichte belegt dies in eindrücklicher Weise. Die Begegnungsfelder von christlichem Glauben und Kultur - insbesondere Bildung und Wissenschaft, Medien, Kunst und Film, aber auch Jugendkultur und politische Kultur - bedürfen deshalb verstärkter Aufmerksamkeit und Pflege. Die Synode begrüßt ausdrücklich den Konsultationsprozeß zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur, den der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und das Präsidium der Vereinigung Evangelischer Freikirchen mit ihrem Impulspapier "Gestaltung und Kritik" eingeleitet haben.

6. Wir stehen an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Es ist dies ein Zeitpunkt, an dem überall in unseren Kirchen die Dringlichkeit der missionarischen Aufgabe neu erkannt und in den Vordergrund gerückt worden ist. Wir brauchen dafür alle Kompetenz und alle Kraft, die wir aufbieten können. Dabei vertrauen wir darauf: "Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es nicht gewesen. Unsere Nachfahren werden's auch nicht sein; sondern der ist's gewesen, ist's noch und wird's sein, der da sagt: 'Ich bin bei euch alle Tage.' " (Martin Luther).


Dem Vorbereitungsausschuß gehörten an:

Mitglieder der Synode

Dr. Peter Bukowski, Wuppertal
Pfarrer Klaus Jürgen Diehl, Dortmund
Vizepräsidentin Inge Gurlit, Bremen
Frau Gudrun Lindner, Dresden
Pfarrerin Ursula Richter, Aalen
Pfarrerin Barbara Rudolph, Moers (Vorsitzende)
Frau Heidi Schülke, Coburg

Fachleute von außen

Pfarrer Hartmut Bärend, Berlin
Frau Brunhilde Blunck, Essen
Pfarrerin Johanna Haberer, München
Professor D. Dr. Wolf Krötke, Berlin
Bischof Axel Noack, Magdeburg
Dr. Heinz Reichmann, Bissendorf
Generalsekretär Theo Schneider, Dillenburg
Dr. Petra Zimmermann, Hamburg

als ständiger Gast:

Dr. Klaus Schäfer, Evangelisches Missionswerk, Hamburg

 

drucken nach oben