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Interview zum Lutherjahr von und mit Pfarrer Dietmar Schuh

Alles in Luther - Kabarett zum Lutherjahr

D O:   Ich habe mich gefragt, wie wäre das, wenn ich zum Lutherjahr interviewt würde. Mit meiner Kollegin Kathrin Wolff will ich das heute mal durchspielen.

 

K 1:    Über manche Dinge möchten Sie ja am liebsten mit Martin Luther streiten,

habe ich gehört. Ich denke, das ist eine gute Voraussetzung für ein interessantes Gespräch mit Ihnen.

Was bedeutet Martin Luther für Sie?

 

D 1:   In der abendländischen Geschichte gibt es wohl kaum eine Person mit einer solchen Strahlkraft und Bedeutung bis heute. An der Schwelle zur Neuzeit, ist

Luther ein Wegbereiter der Moderne.

 

K 2:    Welche Werte hat er uns hinterlassen?

 

D 2:   Ich weiß nicht, ob es richtig ist von Werten zu sprechen. Mir gefällt Erkenntnis besser. Ausgehend von der Erkenntnis der Humanisten, ad fontes, entdeckte er die Bibel und ihre Bedeutung für unser Leben neu. Der Tradition maß er eine neue Bedeutung bei und stellte die Hoheit des Papstes über die Schriftauslegung in Frage. Dabei sollten sich Christen eben nicht mehr auf Latein sprechende Experten verlassen, sondern sich selbst mit Gottes Wort befassen. Letztendlich hat er deutlich gemacht: Erst kommt Gottes Liebe, der Himmel ist ein Geschenk.

Den können wir uns nicht verdienen oder über die Sündenflatrate des Ablasses erkaufen. Wir können aber den Himmel verlieren. Entscheidend ist der Glaube.

 

K 3:    „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Allein durch Glauben kann man selig werden". Sind diese Kernaussagen Luthers heute überhaupt noch gültig?

 

D 3:   Die Frage ist nicht, ob sie gültig sind oder nicht, sondern ob ich dazu „Ja" sage und sie anerkenne, dann wird sich nämlich die Lebensnotwendigkeit seiner Kernsätze in meinem Leben zeigen.

 

K 4:    Wie würden Sie modernen Menschen die Rechtfertigungslehre näher bringen?

 

D 4:   Das kommt immer drauf an, wen ich vor mir habe. Einem Gleichgültigen ist der Satz: Du bist von Gott geliebt wohl egal. Aber das ist der Schlüsselsatz.

Gottes geliebtes Kind sein und bleiben, auch wenn wir diesen schönen Stern einmal wieder verlassen müssen, das glaubt der Gerechtfertigte und das wird man auch seinem Leben abspüren. Er weiß auch, dass er mit dem, der ihm nicht grün war, am Ende am Tisch Gottes sitzen könnte. Was bei Gott zählt ist eben nicht diese gesellschaftliche Neigung zur Verurteilung: Einmal ein Lump, immer ein Lump, sondern dass man bei Gott nicht abgestempelt ist.

 

K 5:    Bräuchte unsere Gesellschaft manchmal wieder einen Martin Luther?

 

D 5:   Ich glaube, dass wäre nicht in seinem Sinn. Vielmehr ging es doch bei ihm darum: Wir sind befreit selber an Veränderungen mitzuwirken. Jeder kann deshalb bei sich selber auch anfangen, was zu tun.

 

K 6:    Was halten Sie von der Übersetzung der wortgewaltigen Lutherbibel in eine

moderne Sprache?

 

D 6:   Ja, wortgewaltig und auch bis heute noch berührend, das ist wohl seine  Bibelübersetzung. An manchen Stellen ist sie aber heute unverständlich.
Wenn ich von seiner Idee „dem Volk aufs Maul schauen" ausgehe, dann muss ich mich davon verabschieden den jungen Leuten im Konfirmandenunterricht den Kleinen Katechismus einzubläuen und dann lande ich vielleicht bei der „VOLX.Bibel."

Aber was nutzt die schönste Bibelübersetzung, wenn keiner reinschaut.

 

K 7:    Obwohl er nicht wollte, hat Luther die Kirche gespalten.

Was müssen Katholiken und Protestanten tun für die Ökumene?

 

D 7:   Stimmt das denn, hat er sie gespalten? Nein! Primär ging es ihm um die Erneuerung der einen Kirche, nicht um Spaltung. Durch die Reformation ist eine geistesgeschichtliche Weltordnung umgekrempelt worden. Erst im 20. Jahrhundert, mit dem 2. Vatikanischen Konzil, ist die katholische Kirche dort angekommen, wo Luther sie hinhaben wollte.

In der Ökumene hilft das „Schau auf Christus!", nicht der Streit darum, wer Recht hat. Der Knackpunkt ist nach wie vor das Kirchenverständnis: Ist sie bestimmt vom Priestertum aller Gläubigen oder vom hierarchischen Modell: Christus - Papst - Bischöfe, Priester. Da hilft auch die Idee nicht weiter, alle Kirchen unter einem Papst.

 

K 8:    Wie politisch war Luther und wie politisch sollte die evangelische Kirche

heute sein?

 

D 8:   Luther hat die Zwei-Reiche-Lehre ausgerufen: Das weltliche Regiment regiert mit dem Schwert und das geistliche mit dem Wort. Er hat damit die Trennung von Staat und Kirche vorangetrieben. Natürlich kommt es darauf an, was man unter politisch versteht. Parteipolitik mit Sicherheit nicht. Die Frage ist auch: Wie unpolitisch ist das Evangelium? Natürlich gar nicht. Es ist eine politische Frage, was der Grund für Armut und Ungerechtigkeit in der Welt ist. Darauf gilt es Antworten zu finden. Kirche ist für mich immer Kirche für andere, Kirche für die Welt.

 

K 9:    Martin Luther hat sich, auch wenn es der Zeit mit geschuldet war, sehr

Judenfeindlich geäußert. Jahrhunderte später haben die Nationalsozialisten

das für ihre Zwecke instrumentalisiert. Wie beurteilen Sie diese „dunkle Seite" des Reformators?

 

D 9:  Aus heutiger Sicht sind seine Aussagen zu den Juden unsäglich und nicht hinnehmbar. Es schaudert mich nach wie vor, dass sich ein Julius Streicher bei seiner Verteidigungsrede beim Nürnberger Prozess sich auf seinen Konfirmanden-unterricht bezog und was er in der Lutherbibel dazu über die Juden las.

Das meine Kirche nicht schon weit vorher diese Aussagen Luthers über die Juden geächtet hat, das ist ein großer historischer Fehler gewesen. Auch dass der reife Reformator darüber enttäuscht war, dass die Juden sich nicht der Reformation anschlossen, kann nur eine von vielen Erklärungen darstellen, bei weitem reicht das nicht für eine Entschuldigung.

 

K 10:  Zu guter Letzt: Was bleibt von Luther. Was ist sein Vermächtnis für Sie?

 

D 10: Es bleiben zwei Dinge: Zum einen, wie er die Musik einsetzte um den neuen

Glauben unter das Volk zu bringen und ihn beim Volk lieb zu machen.
Das war schon genial die Gassenhauer seiner Zeit herzunehmen und damit seine Theologie zu transportieren: Nun freut euch lieben Christengmein - zum Beispiel ein weit verbreitetes Hupf- und Tanzlied, das man kannte.

Zum Zweiten bewundere ich seine Gelassenheit. Das kommt in der Strophe bei Wolfgang Bucks Lied so schön heraus:

Und der Doggder in Widdnberch dringd in aller Ruh sei Bier, und is Evangelium gehd derwal um ganzn Globus rum.

Das diesjährige Reformationsjubiläum zeigt ja uns gerade einen Mann, der dieses Gottesgeschenk Gelassenheit lebte. Er vertraut, dass ohne sein Zutun das Evangelium auch so um den Globus rumgeht. Ja, er lebte mit diesem Gottesgeschenk, das auch das Lassen von mir selber möglich macht. D.h. ich selber brauch mich nicht festhalten, weil ich weiß: Ich bin doch gehalten, mein Leben lang und auch darüber hinaus in der Ewigkeit bei Gott.

Bitte aber nicht Gelassenheit mit Lahmarschigkeit verwechseln. Menschen, die mit diesem Gottesgeschenk leben, brauchen keinen Tritt in den Hintern, um in die Gäng zu kommen. Weil gelassene Menschen, nicht die Angst haben, dass ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird und weil sie auch Distanz gewonnen haben zu all dem inneren und äußeren Trubel und zu sich selbst. Gelassene lachen auch deshalb gerne über sich selber. Sie werden mit kühlen Kopf und Verstand an ein Problem ganz unaufgeregt herangehen. Sie werden dieses Problem mit Gottes Hilfe angehen und in diesem unerschütterlichen Vertrauen es lösen und das zur rechten Zeit.

 

K 11: Herr Pfarrer Schuh, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

 

 

Von Pfr. Dietmar Schuh

 

 

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