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Vortrag über den Erstern Weltkrieg des Historikers Dr. Daniel Schönwaldsowie Pfarrer i. R. Hermann Kaussler

Briefe von der Front

Kalb_Vortrag_Kaussler-Schoenwald_2014

KALBENSTEINBERG – Im Rahmen des monatlich stattfindenden Frauenkreises der Kirchengemeinde Kalbensteinberg fand ein Vortrag zum Thema “100 Jahre Erster Weltkrieg” statt. Referenten waren der aus Kalbensteinberg stammende Historiker Dr. Daniel Schönwald, der eine Auswahl von Feldpostkarten aus dem Pfarrarchiv und teils von Leihgaben aus Privatbesitz präsentierte, sowie Pfarrer i.R. Hermann Kaussler, aufgewachsen in Neuenmuhr, zuletzt 25 Jahre Pfarrer in Eibach und heute in Wolkersdorf wohnend, der kurzweilig über Erinnerungen seiner Familie an die Erlebnisse im Ersten Weltkrieg referierte. Er berichtete Trauriges wie Erheiterndes – beides gehöre zur Aufbereitung der Kriegserlebnisse, wie der 80jährige nachdenklich bemerkte.

Im ersten Teil des Vortrags präsentierte Daniel Schönwald eine Auswahl aus über 1000 Feldpostkarten und -briefen an den damaligen Kalbensteinberger Pfarrer Gottfried Putz aus der Zeit zwischen 1914 bis 1918. Putz schickte den mehr als 100 Korrespondenzpartnern aus der Kirchengemeinde regelmäßig Pakete, geistliche Literatur und Tröstendes an die Front, die Soldaten antworteten von Zeit zu Zeit. Doch so mancher Briefverkehr endete jäh mit dem Tod des Soldaten. In der Kirchengemeinde Kalbensteinberg gab es bis Kriegsende 26 Gefallene und Vermisste.

Schönwald konnte – nicht zuletzt unter Zuhilfenahme der “Kriegsstammrollen” im Kriegsarchiv in München – die Schreiber größtenteils identifizieren und den einzelnen Haushalten im Ort zuordnen, was bei den Zuhörern auf großes Interesse stieß. Von vielen der Anwesenden ließ sich ein Kriegsteilnehmer aus dem eigenen Familienkreis finden, der Schriftverkehr mit Pfarrer Putz hielt. Oft waren gleich mehrere Söhne im Feld, wie etwa bei Familie Ehemann, die gleich drei ihrer sechs eingezogenen Söhne verlor.

Erstaunlich ist das Altersspektrum der Kriegsteilnehmer: Die Jüngsten, Friedrich Satzinger und Johann Holzinger, waren 1899 geboren, also bei Kriegsausbruch gerade einmal 15 Jahre alt. Einer der ältesten Teilnehmer, Johann Georg Wißmüller, war dagegen noch mit 46 Jahren an der Front und betonte in einem Brief an den Pfarrer, dass der Kriegsdienst in seinem Alter nicht mehr so einfach sei.

Unter den Kriegsteilnehmern fand sich auch der aus Fünfbronn gebürtige Wilhelm Bogner, damals Theologiestudent und später Oberkirchenrat und Stellvertreter von Landesbischof Hans Meiser, der von Putz theologisch besonders betreut wurde. So beklagte sich der in Bayreuth stationierte Bogner in einem Brief über das ständige „Roßbollenklauben“ beim Kasernendienst.

Die von Schönwald präsentierte Auswahl an Postkartenmotiven ist nach Themen geordnet: Zeichnungen und Illustrationen, nationale, teils religiös verbrämte Propaganda, Portraitfotos von Soldaten, Krieg und Landschaft, Zerstörungen und Trophäen, Kriegsgräber und Denkmäler, Heimat und Ausland. Die Sammlung kann im Rahmen einer kleinen Ausstellung noch die nächsten drei Wochen, jeweils sonntags nach dem Gottesdienst, im Pfarrhaus Kalbensteinberg besichtigt werden (9.11. und 23.11. von 11.00 – 12.00 Uhr; 16.11. von 10.00 – 11.00 Uhr im Gemeindesaal des Pfarrhauses Kalbensteinberg). Am 9.11. und 23.11. wird Schönwald persönlich als Ansprechpartner anwesend sein.

Von Daniel Schönwald erschienen heuer außerdem zwei Aufsätze zum Thema Erster Weltkrieg, die die damalige Situation auch am Kalbensteinberger Beispiel illustrieren: einer zum Thema „Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und der Erste Weltkrieg“, der andere über „Die Ablieferung der Kirchenglocken während des Ersten Weltkriegs“. Hier kommen unter anderem die Rolle von Pfarrer Hermann Zindel aus Aha als ehrenamtlicher Glockensachverständiger im Ersten Weltkrieg sowie die Ablieferungen im Dekanat Gunzenhausen zur Sprache. Beide Texte wurden im reich bebilderten und mit über 1000 Seiten sehr umfangreichen Band „Der Sprung ins Dunkle. Die Region Nürnberg im Ersten Weltkrieg 1914-1918“, der die aktuell laufenden Ausstellungen beispielsweise im Stadtarchiv Nürnberg sowie im Stadtmuseum Fürth illustriert, veröffentlicht.

Pfarrer Kausslers Vater sowie die drei Brüder seiner Mutter, einer geborenen Danner aus Neuenmuhr, wurden im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen. Die jungen Soldaten ahnten damals nicht, was auf sie zukommen würde. Die Reitausbildung von Friedrich Kaussler, gebürtig aus Auhausen, erfolgte durch einen preußischen Offizier, der das Aufsteigen an einem Holzpferd demonstrierte, was der junge Kraussler, dem das Reiten bereits gut vertraut war, geradezu als Spott empfand. Sie rächten sich mit einem Streich an dem Offizier, bei dem der angesägte Kopf des Holzpferdes abfiel und den Vorgesetzten lächerlich machte, wie Hermann Kaussler schmunzelnd erzählte. Doch der Kriegsalltag sah anders aus. Nach einem zehn- bis zwölfstündigen Ritt vom Bahnhof bis zur Front floss einigen Kameraden das Blut in die Stiefel. Die Soldaten kamen wochenlang nicht aus der Kleidung und konnten sich nicht waschen. Zu rauchen gab es allerdings immer.

Der Vater arbeitete in der Feldbäckerei und musste – im Gegensatz zu seinen Kameraden – keinen Hunger leiden. Als er von seinen Kindern einmal Brot geschickt bekam, bemerkte er mit dem ihm eigenen Humor “…hätten sie doch Zigaretten geschickt!” So gab es viele Anekdoten, die innerhalb der Familie zum Besten gegeben und vielleicht auch im Nachhinein etwas verklärt wurden. Anderes blieb dagegen Tabu: der Selbstmord von Hermann Kausslers Onkel Karl, dem Bruder seiner Mutter. Über dieses Thema konnte in der Familie nicht gesprochen werden. Erst nach dem Tod der Mutter erfragte Hermann Kaussler von Verwandten, dass sich der junge Soldat aus “Angst vor dem Bajonett” bei einem Heimaturlaub erhängt hatte. An der Beerdigung fanden keine Feierlichkeiten statt. Der Pfarrer bemerkte stattdessen “Ein Sohn unserer Gemeinde hat sich der Vaterlandspflicht feige entzogen.”

Die Todesnachrichten häuften sich, auch in Neuenmuhr. Die Mitteilung kam per Telegrafie zur örtlichen Poststelle. Dem Postboten war es oft nicht zuzumuten, die tragischen Meldungen weiterzugeben, sie hielten der Belastung psychisch nicht stand, deshalb ging das Telegramm an den Bürgermeister oder Pfarrer, welcher die Nachricht der Familie überbrachte. Auch die Familie von Hermann Kausslers Mutter ereilte die schreckliche Nachricht: Der Bruder, Wilhelm Danner, war in Rumänien gefallen. Nur Georg, der dritte Bruder, kam wieder nach Hause. Von jenem Bruder stammt auch eine Bibel, die er in einem Schützengraben gefunden und aufgehoben hatte. Sie wird derzeit von Pfarrer Kaussler zusammen mit einer kleinen Sammlung historischer Erbstücke aus dem Familienbesitz im Pfarrhaus Kalbensteinberg präsentiert.

1918 schrieb der Vater Kausslers hoffnungsvoll: “Vielleicht gibt es doch bald Frieden”. Dies sollte sich bewahrheiten, denn noch im gleichen Jahr folgte die Kapitulation des Kaisserreiches. Nach den vier entbehrungsreichen Kriegsjahren war auch die Landbevölkerung ausgezehrt. Aber es sollte auch für die dortige Bevölkerung noch schlimm kommen: 1918 verbreitete sich, unter anderem durch die Mangelernährung, die Spanische Grippe. Die Menschen waren oft sogar zu schwach, ihre Angehörigen zu beerdigen.

Abschließend bedankte sich Gastgeber Pfarrer Martin Geisler bei den beiden Referenten. Kaussler, zu dem Geisler eine enge Freundschaft pflegt, habe ihn in jungen Jahren in Eibach zum Pfarrdienst gebracht. Besonders bewundere er seine Art, auch den ernsten Themen ein Lachen abzugewinnen, was sehr viel über christliche Gelassenheit aussage.



[Text: Thomas Müller]

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